derbaupolier  / RedShift#1

Dreier-Bildserie / reaktive Soundinstallation

Nacht auf der Baustelle. Eigentlich sollte hier keiner mehr sein. Im Mannschaftscontainer ist ein Fremder: sichtbar, konzentriert, und doch nicht ganz erklärbar.

Ein Ort aus Spinden, Werkzeug, Schweiß und Pause. Tagsüber gehört dieser Raum der Schicht, den Männern, den Sprüchen, der Erschöpfung. Nachts wirkt er verlassen — aber nicht sicher.

Der Fremde scheint dort nicht vorgesehen zu sein. Vielleicht ist er eingedrungen, vielleicht versteckt er sich, vielleicht sucht er etwas. Vielleicht soll etwas verschwinden. Sein Körper ist präsent, aber schwer zu lesen. Haltung, Verhüllung und Umgebung erzeugen den Eindruck einer Handlung kurz vor oder nach dem Regelbruch.

Bildraum und Person

Die dreiteilige Fotoserie zeigt einen Fremden in einem Raum, der an den Mannschaftscontainer einer Baustelle erinnert. Es ist tief in der Nacht. Der Ort wirkt verlassen, provisorisch und funktional — ein Raum für Pause, Arbeit, Umkleiden, Warten und informelles Miteinander. Tagsüber gehört er der Baustelle und ihren Männern. Nachts bekommt er eine andere Bedeutung.

Der Fremde ist sichtbar, aber nicht eindeutig einzuordnen. Er wirkt konzentriert, körperlich präsent und zugleich fehl am Platz. Ob er dort sein darf, bleibt offen. Vielleicht ist er eingedrungen, vielleicht versteckt er sich, vielleicht sucht er etwas. Vielleicht passiert etwas, das nicht gesehen werden darf.

So entsteht ein Moment zwischen Rückzug, Alarmbereitschaft und möglicher Entdeckung. Der Raum wird nicht erklärt, sondern aufgeladen: mit Verdacht, Nähe und einer Handlung, die kurz vor oder nach einem Regelbruch stehen könnte.

Akustische Ebene

Unregelmäßig durchbrechen Geräusche die Stille: entfernte Stimmen, Schritte auf einer lauten Blechtreppe, das Geräusch einer Bohrmaschine, ein vorbeifahrender Zug. Sie wirken wie Spuren einer Umgebung, die nicht sichtbar ist — einer Baustelle, die auch nachts nicht ganz schläft.

Die Geräusche erweitern den fotografischen Raum über das Bild hinaus. Sie lassen vermuten, dass andere Menschen in der Nähe sind oder jederzeit auftauchen könnten. Der Mannschaftscontainer wird dadurch zu einem Ort gespannter Wachsamkeit: nicht ganz privat, nicht ganz öffentlich, nicht ganz sicher.

Reaktive Installation

Die Werke reagieren auf die Anwesenheit der Betrachter:innen. Ein elektronischer Sensor erkennt, wenn jemand vor einem Bild steht, und löst Soundereignisse aus. Reihenfolge, Verzögerung und Wirkung der Geräusche variieren.

Dadurch entsteht keine verlässliche Betrachtungssituation. Manche Klänge bleiben subtil und fast beiläufig, andere treten plötzlich und erschreckend in den Raum. Wer vor dem Bild steht, wartet, horcht, erschrickt — oder löst selbst etwas aus, ohne es kontrollieren zu können.

Die Betrachter:innen werden damit Teil der Spannung: als Beobachtende, als Störung oder als jene, die eine verborgene Situation möglicherweise aufdecken.

Thematische Ebene

Die Arbeit untersucht Maskulinität als Druckraum. Nicht als Stärke, Pose oder klare Rolle, sondern als etwas, das sich verhärtet, tarnt und zugleich verletzlich bleibt.

Der Mannschaftscontainer steht für Arbeit, Körper, Hierarchie, Erschöpfung und Kameradschaft — aber auch für Ausschluss, Kontrolle und unausgesprochene Regeln. In der Nacht kippt dieser Raum. Was tagsüber funktional und kollektiv wirkt, wird zu einer Zone von Unsicherheit, Begehren und Verdacht.

Maskulinität erscheint hier als angespannte Präsenz: körperlich, beobachtet, nicht ganz lesbar und jederzeit kurz davor, aufzufliegen.

Material / Technik / Aufbau

Die Arbeit besteht aus drei Fine-Art-Prints auf Hahnemühle William Turner Papier, montiert auf Hartschaum-Bauplatten. Als Montageflächen dienen Trockenbauplatten aus extrudiertem Hartschaum mit beidseitiger Gewebeeinlage.

Die Soundinstallation wird über einen Raspberry-Pi-Computer gesteuert. Sensoren erkennen die Anwesenheit der Betrachter:innen vor den Arbeiten und lösen über versteckte Lautsprecher unregelmäßige Soundereignisse aus.

Worum es mir bei diesem Projekt geht

Nach meinen Erfahrungen mit der imersiven Videoinstallation „Die Baustelle“ wollte ich herausfinden, wie sich ein ähnliches Raumgefühl mit anderen Mitteln erzeugen lässt.

Bei „Die Baustelle“ befanden sich die Betrachter:innen in einer kontrollierten Umgebung und wurden direkt in eine bewegte Szene hineingezogen. Für RedShift#1 interessierte mich die Frage, ob sich eine vergleichbare Spannung auch ohne Bewegtbild herstellen lässt: durch gedruckte Bilder, physische Materialien, Sound und die unmittelbare Reaktion auf Anwesenheit.

Die Arbeit verbindet klassische Videoinstallation mit einer reaktiven Soundebene. Die Bilder bleiben still, aber der Raum um sie herum beginnt zu reagieren. Geräusche tauchen unregelmäßig auf, manchmal subtil, manchmal plötzlich und erschreckend. Dadurch entsteht eine Situation, in der das Betrachten selbst körperlicher wird: Man steht vor dem Bild, wartet, hört, erschrickt vielleicht — und wird Teil der Arbeit.

Mich interessiert dabei besonders, wie stark sich Atmosphäre, Unsicherheit und Präsenz erzeugen lassen, wenn Fotografie nicht nur als Abbildung funktioniert, sondern als Auslöser für ein räumliches Erlebnis.

DerBaupolier
Photographer, artist,
graphic designer, fetish fella from 🇦🇹

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